Alpenüberquerung auf dem GR5 – Von Landry nach Modane

Etappen 10 bis 13

Tag 10 – Landry zum Refuge d’Entre-le-Lac

Ein neuer Morgen beginnt auf dem GR5. Ich steppe aus der Hütte in den Nieselregen. Die Wolken hängen tief im Tal.

Nach der ganzen Hitze, kommt mir das feuchte Klima ganz gelegen. Kurz nach dem Start nehme ich eine minimale ungeplante Abweichung, bin aber bald wieder auf Kurs Richtung Montchavin. Hier startet der heutige Aufstieg.

Ich stapfe bergauf und denke mir mehrfach: ein Schild würde diesem Weg jetzt gut tun. Aber leider werden meine Gebete nicht erhört. Ich versuche mich also an dem Kartenausschnitt in meinem Guide zu orientieren und schieße einfach vertikal nach oben durch zugewachsene Wege. Immer wieder kreuze ich die Straße, die sich in Serpentinen hinauf schlängelt.

Obwohl ich eigentlich relativ sicher bin, dass ich in die richtige Richtung laufe, habe ich immer ein ungutes Gefühl, wenn ich längere Zeit die rot/weiße Markierung nicht sehe.

Doch irgendwann erreiche ich tatsächlich Nancroix und etwas später betrete ich den beeindruckenden Parc National de la Vanoise. Ich ziehe an majestätischen Wasserfällen vorbei und dunkle Wolken am Himmel auf.

Je weiter ich laufe, desto düsterer wird es.

Es ist immer wieder beängstigend zu sehen, wie sich in den Bergen innerhalb von Minuten ein freundlicher Tag in ein bedrohliches Szenario verwandeln kann.

Eigentlich bin ich schon längst reif für eine Pause aber angesichts der finsteren Aussichten, hechte ich weiter. Vorbei an hunderten entspannten Kühen.

Kurz bevor das Gewitter losbricht, erreiche ich das idyllisch gelegene Refuge d’Entre-le-Lac.

Ich bin einer der ersten Gäste und werde von einem jungen Hüttenteam empfangen. Es gibt tatsächlich noch ein Plätzchen für mich. Nach und nach trudeln von der anderen Seite immer mehr Menschen ein. Viele Familien mit Kindern. Nach kürzester Zeit ist der Laden voll und reichlich Stimmung in der Bude.

Die Hütte besteht eigentlich nur aus einem großen tunnelartigen Raum. Es gibt nur das allernötigste und das Essen ist auch nur so mittel aber dennoch ist es eine der charmantesten Berghütten der gesamten Tour. Die Hühner laufen frei herum, die Kühe werden direkt vor der Tür gemolken, das Team ist nett und das Panorama gigantisch.

Am frühen Abend taucht zu meiner großen Freude unerwartet und völlig durchnässt Robert in der Hütte auf. Da der Regen meist am Nachmittag einsetzt und er etwas gemütlicher unterwegs ist, bekommt er hin- und wieder eine Dusche ab. Wohingegen ich bislang immer Glück hatte.

GR 55 – High Level Route

Tag 11 – Refuge d’Entre-le-Lac zum Refuge d’Entre Deux Eaux

Spätestens am elften Tag, sollte man sich Gedanken über die weitere Wegführung machen. 

Drei Optionen stehen zur Wahl: 
1. Auf dem GR 5 bleiben und den Parc National de la Vanoise umgehen
2. Die High Level Route auf dem GR 55 durch den Parc National de la Vanoise wandern
3. Die etwas weniger anspruchsvolle Low Level Route auf dem GR 55 nehmen

Alle drei Varianten führen in Modane wieder auf den GR 5. 

Ich entscheide mich vor allem aus Zeitgründen für die High Level Route. So kann ich zwei Tage sparen, die ich vielleicht später noch brauchen werde. 

Gemeinsam mit Robert starten wir die heutige lange Etappe.

Blöd nur, dass wir direkt auf den ersten Metern die „Ausfahrt verpassen“ und umständlich den halben See umrunden müssen, um wieder auf Kurs zu kommen. 

Schnell nehme ich an Tempo auf und lasse Robert hinter mir. Kurz hinter dem Refuge du Col Du Palet verlasse ich den Nationalpark und stehe plötzlich mitten in dem furchtbaren Ski-Gebiet Val Claret. 

Hässliche Hochhäuser stehen im Tal und die Hänge wurden alle vom Ski-Zirkus kaputt gewirtschaftet. 

Dumm auch, dass ich mal wieder nicht die Karte konsultiere. Ich folge zwar den korrekten Markierungen, hätte aber den unansehnlichen Weg um einige Kilometer abkürzen können. 

Sehr ärgerlich. Jetzt muss ich durch den gesamten Ort latschen und auf Ski-Pisten wieder hochkraxeln. Über Schneefelder erreiche ich den Col de la Leisse (2758m). 

Nach einer kurzen Pause ziehe ich weiter. Stundenlang laufe ich komplett alleine durch das grandiose Vallon de la Leisse und sichte mal wieder zahlreiche Murmeltiere. 

Immer wieder muss ich größere Schneefelder passieren, was auf Dauer reichlich ermüdend ist. 

Ich bin mal wieder gut platt als ich nach 30 km endlich das Refuge d’entre Deux Eaux sichte. 

Seit dem ersten Tag meiner Alpenüberquerung bin ich keinem einzigen Deutschen begegnet. 

Und ausgerechnet im letzten Winkel des Parc national de la Vanoise treffe ich auf drei Berliner! 

Eine arbeitet für sieben Wochen in der wunderschönen Hütte „Refuge d’entre deux Eaux“. Die anderen beiden machen mit dem Leihesel „Figaro“ eine sechs tägige Wanderung durch den Nationalpark. Fun times!

Die Hütte wird von einem jungen deutsch-französischen Pärchen mit zwei kleinen Kindern betrieben. 

Die Hütte, die Lage, die Leute und das Essen sind hervorragend. Also falls ihr mal in der Gegend seit, schaut vorbei 🙂 

Direkt bei meiner Ankunft habe ich das große Glück einen jungen Bartgeier aus nächster Nähe vorbeifliegen zu sehen. 

Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,9 Metern zählt der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Er ist der größte Greifvogel Europas, und mit 225 bis 250 Brutpaaren einer der seltensten (Wikipedia).

Ein sehr interessanter Vogel und viele Einheimische sind stolz über die gelungene Wiederansiedlung des Bartgeiers in der Gegend (nachdem er komplett ausgerottet war). 

Tag 12 – Refuge d’Entre-deux-Eaux nach Roc de la Pêche

Nach einer regnerischen Nacht begrüßt mich ein traumhafter Morgen. Nach dem Frühstück ziehe ich alleine los. Robert ist gestern Abend nicht mehr aufgetaucht und ich vermute, dass er eine kürzere Etappe gelaufen ist. 

Morgens ist es immer am schönsten. Das Wetter ist angenehm, die Stimmung ist friedlich, der Körper und die Seele sind ausgeruht.  

Froh und munter schreite ich voran.

Durch dieses Tal bin ich am Vortag marschiert und habe dabei alle Songs gesungen, die ich kenne. 

Am Refuge du Col de la Vanoise werde ich Zeuge einer Helikopter-Versorgung. Die Ruhe ist damit hin, aber die Murmeltiere scheint es nicht zu stören.

Nach und nach kommen mir immer mehr Wanderer entgegen.  

Das ist immer ein Zeichen dafür, dass eine Seilbahn in der Nähe ist. Und tatsächlich. Etwas unterhalb des spektakulären Lac des Vaches erblicke ich die Station. 

Aber bevor ich in eine Seilbahn steige, säge ich mir lieber die Zehen ab. 

Es folgt daher ein kräftezehrender Abstieg. Es ist zermürbend bergab zu laufen und mit jedem Meter, den man ins Tal läuft steigt die Temperatur. 

Dementsprechend K.O. komme ich im Tal an, mache eine überflüssige Runde durch den Ort und will dann, um ganz sicher zu gehen, in einem Supermarkt nach dem Weg fragen. 

Dort steht gerade ein Wanderer an der Kasse und ich denke:- Moment, den Rucksack kennst du doch! Wenn das mal nicht mein zuverlässiger Kumpane Robert ist!

Und so sind wir kurzerhand wieder vereint. 

Tag 13 – Roc de la Pêche  nach Modane

Am frühen Morgen mache ich mich auf die Wandersocken und werde in meinem Elan jäh gebremst, da Kuhherden über den Weg getrieben werden. 

Das alles geschieht unter dem wachsamen Auge dieses Schäferhundes. 

Gegen Mittag passiere ich den höchsten Punkt des GR 55, den Col de Chavière (2796m) und muss dann mal wieder sehr lange absteigen. 

Ich passiere einige Schneefelder und mache hinter einem Findling ein Päuschen. 

Der Pfad führt durch sattgrünes Panorama, dass sich vor Modane leider in staubigen Wald verwandelt. 

Modane/Fourneaux sind zwei seltsame kleine Ortschaften, die an Grenzstädte aus dem Wilden Westen erinnern (Der Bahnhof von Modane ist Grenzbahnhof für den Eisenbahnverkehr nach Italien).

Ich irre eine ganze Weile herum, bis ich schließlich eine Unterkunft in Fourneaux finde, wo ich mir ein Zimmer mit Robert teile. 

Fazit

Ich kann nicht sagen, welche die beste der drei Weg-Varianten ist, da ich nur die  GR 55 High Level Route gelaufen bin aber dieser Abschnitt hat mir wirklich gut gefallen. Der Parc National de la Vanoise ist definitiv sehenswert und die beiden Hütten im Park waren sehr charmant.

Zudem gewinnt man zwei Tage, die man als Puffer oder für die längere Schlussvariante auf dem GR52 nutzen kann.

Tipps

  • Ich kann das Refuge D’entre le-Lac und das Refuge d’entre Deux Eaux empfehlen
  • Durch die GR55 High Level Route gewinnt man zwei Tage
  • Am Ende der 13. Etappe sollte man direkt nach Fourneaux laufen statt nach Modane, da es in Modane keine Unterkünfte gibt. 
(Visited 31 times, 1 visits today)

3 Kommentare

  • Anna sagt:

    Wie hat Robert dich überholt sodass er vor dir im Supermarkt sein konnte? 🤔

    • Fabian sagt:

      Oha! Eine aufmerksame Leserin. Ja, das kam, weil der gute Robert die Seilbahn nach unten genommen hat. Ich wollte es eigentlich nicht erwähnen, weil er trotz seiner 71 Jahre bis auf dieses eine Mal auf der gesamten Strecke keinerlei Hilfsmittel genommen hat.
      Dennoch eine absolute Maschine 🙂

  • Anna sagt:

    Mit 71 darf man ruhig mal seine Knie schonen 😉 Man muss mal so fit sein und die doch sehr hm intensive Wanderung durchziehen! LG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*