Der nördliche Kungsleden – Von Abisko bis Vakkotavare

Kungsleden

Anreise nach Abisko über Kiruna

Als mein Flieger zum Landeanflug ansetzt und durch die schwere Wolkendecke bricht, bekomme ich zum ersten Mal die Landschaft zu sehen, die ich in den kommenden Wochen durchwandern werde.

Es breitet sich ein leicht unangenehmes Gefühl in meiner Magengrube aus, denn was ich durch das ovale Fenster erblicken kann, erinnert mich eher an Mordor als an meine bullerbüisierte Vorstellung von Schweden. Saurons Festung mit dem brennenden Auge, hätte hier nicht fehl am Platze gewirkt.

Schneebedeckte Berge, dunkle Seen und düstere Wolkenfetzen.

Kurze Zeit später quietschen die Reifen und ich betrete arktischen Boden. Die Luft ist überraschend warm. In der kleinen Eingangshalle, schnappe ich mir meinem Rucksack, setze mich in einen Bus und werde 15 Minuten später in Kiruna, der nördlichsten „Stadt“ Schwedens ausgespuckt.

Wie eine Stadt wirkt es für mich jedenfalls nicht. So habe ich mir Siedlungen in Grönland vorgestellt. Kiruna entstand als Siedlung für das gleichnamige Eisenerzbergwerk und so sieht es auch aus.

Damit die unter der Stadt liegenden Vorkommen abgebaut werden können, wird sie bis 2040 komplett um fünf Kilometer nach Osten verlegt.

Es ist Wochenende und Hochsommer und die Stadt ist wie leer gefegt. Wie sieht es hier dann erst im Winter aus, wenn sich die Sonne für Monate verabschiedet?

Naja, das soll nicht meine Sorge sein. Nach einer kurzen Orientierungsphase erreiche ich mein Hostel. Als ich mich nach einem Geldautomaten erkundige, werde ich darüber aufgeklärt, dass Schweden bald ein Cash-freies Land ist und meine Kreditkarte deswegen vollkommen ausreiche.

Ich lege meine Sachen ab und mache eine kleine Erkundungstour. Direkt neben dem Hostel entdecke ich diese schöne Kirche, die zwischen all den hässlichen Neubauten ziemlich fehl am Platze wirkt und leider geschlossen ist.

Dafür strahlt nun die Sonne und ich freue mich meine Wanderung unter so guten Bedingungen am nächsten Tag starten zu können.

Tag 1 – Von Abisko bis Abiskojaure (15 km)

Tja, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Als ich morgens aus meinem Etagenbett im Keller klettere und ohne Frühstück das Haus verlasse, regnet es in Strömen. Auf dem Weg zum Busbahnhof hüpft ein großer Hase über den Parkplatz.

Der junge Busfahrer trägt einen ZZ-Top Bart und eine Sonnenbrille, obwohl es draußen grau und düster ist. Als ich ihm sage, dass ich nach Abisko möchte, fragt er mich an welcher Station in Abisko ich aussteigen möchte.

Ich denke nur: „Junge, ich habe einen Rucksack auf und trage Wanderstiefel, was glaubst du denn wo ich hin möchte?“

Und wie groß kann Abisko schon sein? Wegen der Clubszene bin ich jedenfalls nicht hier. Als ich meine Kreditkarte zücke, lächelt er dann aber auf einmal und sagt: gute Karte. Ich bin bei der selben Bank.

Na bitte, geht doch.

Während der einstündigen Fahrt, döse ich immer wieder ein, während der Regen erbarmungslos aufs Dach trommelt. In Abisko angekommen, schulter ich meinen Rucksack und hechte in die wohl bestausgestattetste Fjällstation des Kungsledens.

Im gut sortierten Laden, kaufe ich mir die letzte Karte, die mir noch fehlt, gönne mir im Restaurant ein Frühstück und hoffe, dass das Wetter aufklart.

Das tut es leider nicht also wird die Raingear ausgepackt und dann geht es endlich los! Spoiler-Alert: Der Startpunkt des Kungsledens ist etwas netter gestaltet als der Endpunkt.

Feierlich schreite ich durch das Holzportal auf dem die Eckpunkte des Trails gekennzeichnet sind, dann geht es durch einen Tunnel unter der Straße und dann bin ich tatsächlich auf dem Trail. Yay!

Ich bin trotz des Wetters bestens gelaunt und kann es kaum erwarten die ersten Kilometer hinter mich zu legen. Und soweit läuft es sich gut. Der Weg ist flach, ich habe noch keinen Mückenstich und die Wegmarkierungen sind gut.

Wenig später treffe ich die ersten Wanderer. Die paar Menschen, die mir entgegen kommen sind den Weg von Süd nach Nord gelaufen und stehen somit kurz vor dem Abschluss ihrer Wanderung.

Die sehen allerdings ziemlich miserabel aus mit ihren trüben Gesichtern. Scheinbar waren die Bedingungen der letzten Tage nicht optimal. Egal ich schreite erstmal positiven Schrittes weiter.

Bald stoße ich auf die legendären Holzbohlen, die ich natürlich schon von Bildern kannte. Darauf läuft es sich wirklich bequem.

Auf diesem Bild hat sich ein Schneehuhn in sommerlichen Tarn-Federkleid versteckt. Mit einer Gruppe Jungtiere ist es genau vor mir über den Weg gelaufen.

Das heutige Tagesziel nach 13,6 Km ist in meinem Wanderführer die Abiskojaure-Hütte. Die liegt allerdings etwas seitlich des Weges und ich habe sowieso vor im Zelt zu übernachten also laufe ich noch etwas weiter bis ich an einem kleinen Bach einen geeigneten Schlafplatz entdecke.

Die Etappe war nicht besonders lang aber der Rucksack hat am ersten Tag noch Maximalgewicht und eingelaufen bin ich auch noch nicht. Deswegen bin ich schon etwas erschöpft.

Ich krame in meinem Rucksack, um mein Zelt rauszuholen und stoße darin auf ein Din-A4 Blatt Papier. Ich denke mir: Hä? Ich habe doch gar kein Papier eingesteckt, wer war denn an meinem Rucksack dran???

Und dann lese ich zu meinem Entsetzen: Airport Security – We removed a dangerous Item from your bag:  one gas canister.

Neeeeeein! Ich habe mein Gepäck am Flughafen aufgegeben und gar nicht darüber nachgedacht, dass meine Gasflasche darin ein Problem sein könnte. Jetzt habe ich meinen Jetboil aber kein Gas um Trekkingnahrung zuzubereiten.

Passender weise fängt es in dem Moment an zu regnen, ich baue schnell mein Zelt auf und lege mich hungrig in den Schlafsack.

Nach einem kleinen Schläfchen komme ich aus meinem Zelt gekrochen und sehe, dass unweit von mir ein weiteres Zelt aufgeschlagen wurde. Bewohnt wird es von einer veganen Britin, die so nett ist, mir Wasser aufzukochen und damit meinen Abend rettet.

Wobei von Abend kann man nicht wirklich reden, wenn die Sonne nicht untergeht. Wir vereinbaren einen Punkt an dem wir am nächsten Tag unsere Zelte aufschlagen möchten.

Anschließend ziehe ich mir meine Thermounterwäsche für die Nacht an, setze meine Schlafbrille auf und der erste Tag auf dem Kungsleden ist Geschichte.

Tag 2 – Von Abiskojaure bis Renwachthütte (26 km)

Als Frühstück muss heute ein Riegel reichen, den ich mit kaltem Wasser runterspüle. Dann baue ich mein Zelt ab und ziehe los. Es geht leicht bergauf und wenig später entdecke ich einen Schlafplatz, der viel cooler gewesen wäre aber ich bin halt noch neu im Game.
In Zukunft werde ich selektiver vorgehen.

Ich hatte gehofft auf meiner Wanderung Rentiere zu sichten aber das dies schon direkt am zweiten Tag passieren würde, hatte ich nicht erwartet. So cool!

Leider sind die Tiere sehr scheu und so muss ich meine Hoffnung bis zur nächsten Hütte zu reiten schnell begraben.

Der Himmel es grau und trüb und alles wirkt kalt und ungemütlich. Schließlich befinde ich mich auch nördlich des Polarkreises. Umso erstaunlicher ist es, dass es überhaupt nicht kalt ist. Streckenweise laufe ich sogar im T-Shirt und will es selbst nicht recht glauben.

Einige Stunden später ist die Alesjaure-Hütte in Sicht (nicht hier auf dem Foto abgebildet). Den ganzen Tag bin ich keinem einzigen Menschen begegnet. Ich habe nur zwei Zelte abseits des Weges gesichtet.

Kurz vor der Hütte muss ich barfuß einen Fluss durchqueren. An der Hütte mache ich eine kleine Pause und die Bekanntschaft mit zwei deutschen Hikerinnen. Ich muss eine halbe Stunde warten bis der Hüttenshop öffnet. Dann kann ich mir eine neue Gasflasche kaufen. Krise abgewendet!

Ich bin schon mindestens 23 km unterwegs als ich die Hängebrücke Bossusjâkka erreiche. Mit der Britin vom Vortag hatten wir diesen Ort als weitesten potentiellen Schlafplatz verabredet.

Aber ich finde keine wirklich gut geeignete Stelle zum Zelten und der Fluss rauscht zudem extrem laut. Ich beschließe doch noch weiterzulaufen.

Ein paar Kilometer später muss ich wieder barfuß einen Fluss durchqueren und schlage kurz dahinter mein Zelt auf. Hier bin ich komplett alleine und es fühlt sich super an.

Ich bin extrem begeistert von meinem Schlafplatz. Ich esse etwas und lese auf meinem E-Reader bis mir die Augen zufallen.

Tag 3 – Renwachthütte bis Rasthütte Kuoperjakka (24 km)

Ein herrlicher Tag beginnt. Ich frühstücke ein warmes Schokomüsli. Aufgrund der Dauerhelligkeit braucht man es wirklich nicht eilig zu haben. Ein angenehmer Nebeneffekt.

An die Flussüberquerungen habe ich mich mittlerweile gewöhnt. 

Kurz bevor ich die Tjäktja-Hütte erreiche, passiert noch das hier:

 

So sehen die Hütten aus. Die Schlafräume hab ich mir nicht angeschaut. Wenn überhaupt hab ich dort nur kurz halt gemacht, um etwas im Laden zu kaufen. Und dann ging es auch schon weiter. Das Hüttenpersonal vom STF war immer sehr nett. 

Von diesen Brücken überquert man so einige auf dem Kungsleden.

Irgendwie schaffe ich es jeden Tag einen noch spektakuläreren Schlafplatz zu finden. Heute mit einem natürlichen Schiefertisch an dem ich mein Abendessen mit grandioser Aussicht auf die Rentiere in der Ebene genieße.

Und noch mal zu Erinnerung: so hell ist es und bleibt es abends auch!

Living my best life. Natur, Zelt, Buch.

Und im Vorfeld hatte ich überall gelesen wie populär der Kungsleden ist aber mein Zelt steht immer komplett alleine am Horizont. Und ich liebe es!

Tag 4 – Von Rasthütte Kuoperjakka bis Wasserfall (26 km)

Ein weiterer Tag mit spektakulär gutem Wetter. Auf geht’s Richtung Singi-Hütte.

Einige Kilometer weiter gelange ich zum Abzweig Kebnekaise, dem mit (mickrigen) 2097 Metern höchsten Berg Schwedens.

Von dort kann man weiter nach Nikkaluokta wandern. Da ich mich noch relativ früh in meiner Wanderung befinde, möchte ich keine Umwege laufen. Später werde ich diese Entscheidung bereuen. Im Nachhinein hätte ich mir den Gipfel doch gerne angeschaut. Vor allem bei den günstigen Wetterbedingungen.

Naja. You live and you learn.

A propos Berge. Ich hatte ziemlichen Respekt vor meiner ersten längeren Trekkingtour (vor allem wegen dem zusätzlichen Gewicht) aber ich muss sagen, dass die letzten Tage wirklich easy going waren.

Da waren die Alpenüberquerungen, die ich in den letzten beiden Jahren gemacht habe, um ein Vielfaches anstrengender. Da sieht man mal was Höhenmeter ausmachen können.

Und so spaziere ich glücklich und zufrieden durch die traumhaften Landschaften des Nordens.

Neben einer zerfallenen Kote, breite ich meine Isomatte aus. Esse zu Mittag, lasse mir die Sonne auf den Pelz scheinen und lese eine Stunde.

Ich ziehe weiter und werde nach 23 km auch langsam müde. Einmal begegne ich einem Wanderer mit Hund. Ich frage ihn, wovon sich der Hund ernährt. Ob er die Nahrung mitschleppt. Und er sagt mir, dass der Hund und er die gleiche Nahrung essen. Ich habe nicht weiter nachgefragt.

Über einem Wasserfall entdecke ich einen optimalen Schlafplatz und beschließe die Etappe hier zu beenden. Leider ist auf dem Bild nicht zu sehen wie genial der Platz war. Über dem Wasserfall gab es ein natürliches Steinbecken in dem sich das Wasser gesammelt hat. Hier konnte ich meine Kleidung und mich waschen und hatte eine tolle 360° Aussicht.

Dann noch etwas lesen und schon ist wieder Schlafenszeit.

Tag 5 – Von Wasserfall bis Plateau über Kebnats (20 km + Bus- und Bootsfahrt Kungsleden-Unterbrechung)

Um vier Uhr morgens stehe ich auf. Das ist nicht schwer, wenn man um 20 Uhr ins Bett geht. Und wenn es um vier Uhr morgens taghell ist noch weniger. Heute steht meine erste Seeüberquerung auf dem Programm und ich freue mich schon drauf.

Zunächst muss ich allerdings neben dem Wasserfall absteigen. Als ich die Teusajaure-Hütte um fünf Uhr morgens erreiche, habe ich Glück. Die Wanderer liegen noch im Bett und zwei Ruderboote auf meiner Uferseite.

Ich werfe meinen Rucksack ins Boot und rudere los. WOW! So schön. Bis auf meine Ruder, die durch die spiegelglatte Wasseroberfläche gleiten ist es mucksmäuschenstill. Ich fühle mich so euphorisch und frei. Unbeschreiblich.

Die Fahrt ist nur von kurzer Dauer. Ich befestige mein Boot und ziehe weiter. Es geht leicht bergauf.

Bald kommt mir eilig eine blonden Schwedin wie aus einem Tourismus-Katalog entgegen und fragt mich etwas nervös, wieviele Boote auf ihrer Uferseite liegen würden.

Ich kann ihr die gute Nachricht geben, dass es zwei sind. Liegt nur eins am Ufer, muss man hinüber rudern, ein zweites Boot holen und kommt dann erst in einer dritten Überfahrt ans Ziel.

Es muss nämlich immer mindestens ein Boot auf jeder Uferseite liegen.

Auch ich bin etwas unruhig. Denn heute erreiche ich die Kungsleden-Unterbrechung. Hier geht es nur mit Bus und Boot weiter. Es sei denn man möchte 30 km Straße laufen. Und ich weiß leider nicht genau wann der Bus fährt.

Doch wenig später treffe ich auf ein schwedisches Pärchen aus Stockholm, die mir die Abfahrtszeit sagen können.

Der Bus fährt erst am Nachmittag und da ich ein Frühaufsteher bin (also nur in diesem Urlau), habe ich noch jede Menge Zeit um nach Vakkotavare zu kommen.

So viel, dass ich erstmal meine Isomatte ausbreite und eine Stunde in der Sonne liege und lese. That’s the life!

Vor Vakkotavare geht es dann eine ganze Weile relativ steil abwärts und ich bin froh, dass ich von Norden nach Süden laufe und nicht andersrum.

Für die kurze  Bus- und Bootsfahrt werden wie immer stabile schwedische Preise verlangt. Gezahlt wird natürlich mit Kreditkarte.

Über eine Stunde dauert der Transfer mit einem Zwischenstopp an einer Fjällstation. Ich hatte mich auf eine entspannte Busfahrt gefreut aber scheinbar bin ich schon so an die Wildnis gewöhnt, dass ich es kaum erwarten kann wieder auf dem Trail zu sein.

Während die anderen Wanderer in der Saltoluokta Fjällstation übernachten, ziehe ich alleine weiter.

Hier „verlaufe“ ich mich das erste Mal. Beziehungsweise war ich etwas müde und habe nicht gesehen, dass ich auf dem Wintertrail bin (mit den roten Kreuzen). Dieser verläuft manchmal gleich und manchmal parallel zum Sommertrail. Die beiden Wege kreuzen sich regelmäßig, so dass es kein Problem ist, wenn man mal falsch läuft. Oft geht man dann nur auf etwas unbequemeren Untergrund.

Dummerweise verpasse ich so ein Samendorf, das ich mir gerne angeschaut hätte. Dafür bin ich nach einer Stunde wieder auf dem Sommertrail und finde diesen genialen Schlafplatz:

Ich bin sehr glücklich darüber wie gut ich in den Kungsleden gestartet bin und überrascht wie zügig ich ohne übermäßige Anstrengung vorankomme. Auch das Wetter war bislang optimal. Ich bin gespannt auf den nächsten Abschnitt. Bislang habe ich Rentiere, Lemminge und Schneehühner gesichtet. Ein Elch fehlt mir noch. Stay tuned!

Fazit

Kein Wunder, dass der erste Abschnitt des Kungsledens der beliebteste ist. Die Landschaft ist spektakulär, die Infrastruktur ist gut. Die Wege sind gepflegt und markiert, es gibt überall Trinkwasser. In Tagesabständen stehen Hütten, so dass man kein Zelt benötigt und der Trail ist aufgrund der Höhe weitestgehend mückenfrei. Wenn das Wetter stimmt, wird man wohl kaum einen schöneren und wilderen Weg in Europa finden.  Perfekt für Trekking-Anfänger geeignet.

Falls ihr noch Fragen zum Kungsleden habt, könnt ihr mir gerne auf IG oder per Mail schreiben.

Unterwegs auf dem nördlichen Kungsleden

Teil 1 – Organisation, Kosten  Vorbereitung
Teil 2 – Die ultimative Packliste
Teil 3 – Von Abisko bis Vakkotavare
Teil 4 – Von Saltoluokta bis Kvikkjokk
Teil 5 – Von Kvikkjokk bis Jäkkvik
Teil 6 – Von Jäkkvik bis Ammarnäs
Teil 7 – Von Ammarnäs nach Hemavan

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