Von der Liebe zum Laufen

Es war ein sonniger Morgen im Herbst letzten Jahres als mein Leben unerwartet entgleiste. Ein rational denkender Mensch, hätte die Anzeichen wohl schon lange erkannt aber ein hoffnungsloser Optimist wie ich wurde von den Ereignissen erfasst wie von einer Detonationswelle.

Die Frau meines Lebens hatte mich verlassen. Sieben gemeinsame Jahre und nun saß ich orientierungslos mit einem frakturierten Herzen in einer halbleeren Wohnung.  

Nur wohin mit dem Schmerz? Wohin mit der Wut? Wohin mit der Verzweiflung und der Angst?

Die klassische Mischung aus Verdrängung, Ablenkung, Drogen, Alkohol und Zigaretten hat zwar die ersten Wochen ganz gut funktioniert aber irgendwann muss man sich seinen Gefühlen stellen, denn der schwere Weg ist meistens der richtige.

Also kramte ich aus den Untiefen meines Kleiderschrankes meine alten Sportschuhe hervor und begann zu laufen.

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Ohne Ziel, ohne sportlichen Ehrgeiz. Schritt für Schritt. Meter für Meter.

Dabei zogen die Gedanken durch meinen Kopf wie die Wolken durch den Himmel über Berlin.

Erinnerungen, Fragen, Monologe, Vorwürfe, Träume – alles ruckelte durch meinen Geist.

Das Herz pochte, die vernarbten Knie arbeiteten. Die Hausschlüssel klirrten rhythmisch in meiner Tasche während ich mich gegen die Schwerkraft vom Erdboden abstieß.

So lief ich durch die Jahreszeiten. Schneeflocken schmolzen auf meiner Haut, Regentropfen vermischten sich mit Schweiß und Tränen und die Sonne brannte mir ins Gesicht.

Und mit jedem Schritt nahm der Schmerz ab und wich einer inneren Ruhe und Verbundenheit mit der Welt und dem Universum.

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Einfach nur draußen sein, atmen und laufen. Mit allen Sinnen. Den Geruch feuchter Erde in der Nase, den Wind auf der Haut, den Anblick von Vogelschwärmen, blühenden Planzen und bunten Menschen im Park und Musik oder das schlagende Herz im Ohr.

Und dann kam auf einmal das Runner’s High, das Läuferhoch. Ein ekstatischer Zustand. Wie ein innerer Vulkanausbruch. Eine grenzenlose Euphorie, eine unaufhaltsame Welle des Glücks. Ein Lächeln, dass man nicht unterdrücken kann und ein Gefühl, dass man bis ans Ende der Welt laufen könnte.

Der Körper gab kein kontra mehr. Ich fühlte mich wie reine Energie, wie auf meine galaktischen Partikel reduziert.

Wenn ich nun nach einem Lauf geduscht, mit schweren Muskeln und brennenden Nippeln im Bett liege, werde ich von einer unerschütterlichen Zuversicht heimgesucht und kann nicht mehr anders als die Welt und das Leben zu lieben.

Es wird alles gut. Und wenn nicht, dann laufe ich eben weiter…

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Wer jetzt noch nicht motiviert genug ist, der sollte sich unbedingt dieses geniale Video gönnen. Let’s run!

(c) Titelbild aus dem Film Tracktown

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