Alpenüberquerung auf dem GR 5 – Von Auron nach St. Dalmas

Etappen 23 und 24

Tag 23 – Von Auron zum Refuge de Longon

Ich verlasse das Hotel und laufe an einem Zirkus vorbei auf Mountainbike-Pisten den Berg hinauf und in einen Wald hinein. Wenig später werde ich Zeuge wie sich zwei Füchse durch den Wald jagen. Dabei sind Füchse doch gar keine Rudeltiere.

Vielleicht waren es doch Wölfe? Die gibt es tatsächlich auch in der Gegend. Also lieber schnell weiter.

Der heutige Morgen beginnt so blumig, da könnte man fast vergessen, dass eine der härtesten Etappen des gesamten GR 5 auf dem Programm steht.

Ab Roya (1500 m) arbeite ich mich zur Stèle Valette (2587 m) hinauf.  Es hat leider schon fast Tradition, dass ich mich ausgerechnet bei den längsten Etappen verlaufe.

Hinter der Cabane Sallevielle steht plötzlich ein Schild, dass hier der Weg nicht weitergeht. Ich folge also dem einzigen Pfad, der sich von der Hütte wegschlängelt. Aber nach zwanzig Minuten verläuft dieser im Sand und auch die Himmelsrichtung kommt mir suspekt vor.

Ich latsche also alles wieder zurück und finde auf der anderen Seite der Hütte im Gebüsch versteckt einen Hinweis auf den GR 5, der nämlich ohne richtigen Pfad durch ein Boulderfeld führt.

Das ist mal ein Bergrücken. Wie ein schlafendes Ungetüm.

Ich stapfe weiter und weiter bis ich schließlich ein Dorf entdecke und die leise Hoffnung hege bald am Ziel zu sein.

Leider muss ich bald feststellen, dass sich der Weg seitlich am Ort vorbeischlängelt und erblicke zu meinem Entsetzen einen schmalen Pfad, der in der prallen Sonne in steilen Serpentinen bergauf führt.

Und natürlich ist das der verdammte GR 5.

Scheinbar bin ich erst im Vallon de la Gourgette. Mein Laune ist im Keller, mein Wasser ist alle und die Hitze drückt brutal.

Der Pfad spuckt mich oben auf grünen Wiesen aus. Durch weites Land steche ich an Kühen, Eseln und Murmeltieren vorbei.

Schaut mal wie süß: ein Baby Murmeltier!

Un dann steht nach über 31 km und zahlreichen Höhenmetern endlich das Refuge de Longon vor mir! Hallelujah!

Ich werde von einem selbstbewussten zwölfjährigen Mädchen empfangen, die sich um die Buchungen kümmert.

Dann werde ich zu meinem Schlafplatz in einer Art Stall geführt, wo ich auf meine erschöpften aber zufriedenen Kameraden Nicholas und Florian stoße. Was für ein Tag!

Florian (rechts im Bild) hatte ich in der ersten Woche täglich gesehen, dann aus den Augen verloren. Zehn Tage später saß er zu meiner Überraschung auf einmal in Bousiyas vor der Hütte.

Da er nicht so lange Urlaub hatte, wollte er ursprünglich nur bis Briancon laufen und den Rest in einem zweiten Anlauf.
Aber da er gut in der Zeit lag und das Ziel schon verführerisch nah war, hat er seinen Chef in Paris angerufen, ihm die Situation geschildert und ihn um eine Urlaubsverlängerung gebeten.

Dieser hat zugestimmt und nun bleiben ihm noch drei Tage um Nizza zu erreichen. So cool!

Das Refuge de Longon bietet vielleicht nicht den großen Komfort aber davon abgesehen, fühlt man sich dort wie in einem Disney-Film.

Überall laufen die Tiere  vogelfrei herum. Babykatzen, Hühner, Kühe, Esel in einem bunten aber harmonischen Durcheinander. Und hoch über der Hütte kreisen die bedrohten Bartgeier. Ein wahrlich besonderer Ort. 

Kälber toben über die grünen Wiesen wie Hundewelpen.

Kurz vor dem Abendessen trudeln dann tatsächlich noch die Schweizer Jean-Marie und José ein (2. und 3. von links). Jean-Marie hat die Tour nur mittelgut voraus geplant und Unterkünfte gebucht, die sehr weit auseinander liegen. So haben die beiden die Nacht davor in St. Etienne de Tinée übernachtet und mussten deshalb heute über 12 Stunden wandern!

Sie sind total K.O. aber bestens gelaunt. Und gute Laune ist die wichtigste Eigenschaft des Fernwanderers. Aber die beiden sind alte Hasen im Geschäft mit u.a. 1000+ km auf dem Camino de Santiago.

Es sieht vielleicht nicht so aus aber mit den Abenteuern, die die Personen hier auf dem Bild erlebt haben, könnte man ein ganzes Buch (oder Blog) füllen.

Chantal und Claude (1. und 4. von links), ein Schuldirektoren-Pärchen, haben ein paar krasse Touren auf dem Buckel und deren Tochter ist mit ihrem Freund per Anhalter über den Atlantik gesegelt und hat danach ganz Südamerika mit dem Fahrrad durchquert. Eine schrecklich abenteuerliche Familie.

Heute ist unserer letzter gemeinsamer Abend in dieser Konstellation danach trennen sich unsere Wege.

Die eine Hälfte geht den GR 5 zu Ende bis nach Nizza (in drei bis vier Tagen). Die andere Hälfte (und ich) machen nochmal einen Schwenk in die Höhe und wechseln auf den GR 52 nach Menton (sechs bis sieben Tage).

So putzig. 

Das Abendessen ist der Hammer. Alles aus eigener Herstellung.

Satt und zufrieden rolle ich mich zwischen ein paar Babykatzen in meinen Hüttenschlafsack und bin innerhalb von Sekunden eingeschlafen.

Tag 24 – Vom Refuge de Longon nach St. Dalmas

Ich wache morgens im Stall auf und fühle mich ein bischen wie Jesus. 

Schnelles Frühstück und aufi geht’s bzw. abi und zwar nicht zu knapp (circa 1700 Hm) bis runter nach St. Sauveur sur Tinée.

Es ist mal wieder ein herrlicher Morgen. Der leichtbepackte Schweizer Polizist Nicholas ist mir schon weit vorausgeeilt.

Doch als ich so eine ganze Weile vor mich hin wandere, taucht er plötzlich hinter mir auf, obwohl ich ihn nicht unterwegs überholt habe!

Und so stellt sich heraus, dass der Weg, den ich gegangen bin, eigentlich gesperrt war (wegen Steinschlag o.ä.) nur hab ich wahrscheinlich mal wieder auf meine Füße geschaut und so das Schild mit der Umleitung übersehen. Ups!

Nicholas erzählt mir, dass die Umleitung ein großer und beschwerlicher Umweg war. Glück gehabt. Und leben tue ich auch noch.

Im Tal angekommen gönn ich mir eine ausgedehnte Pause. In dem kleinen Örtchen St. Sauveur sur Tinée herrscht Sommerurlaubsstimmung und ich rieche schon fast die Meeresluft.

Jetzt heißt es aber erstmal 1000 Meter Aufstieg.

An einem Felsvorsprung steht dieses Grabstein: „Hier hat der Indianer seinen letzten Abflug genommen“. Ein trauriges Mahnmal aber ein sehr lässiges Bild des Verstorbenen mit Hut und Kippe im Schnabel.

Als ich in Rimplas ankomme, bin ich schon komplett erledigt aber es ist fast unmöglich ein schattiges Plätzchen für eine Pause zu finden. Nach einem kurzen Halt ziehe ich weiter.

Der weitere Aufstieg nach St. Dalmas de Valdeblore ist eine einzige Schinderei. Ich schwitze Victoriafälle, mein Wasser ist alle und ich taumel halbherzig voran. Brutalerweise an einem plätschernden Aquädukt entlang. Wie schon mal erwähnt sind die Tage nach den besonders harten Etappen meist die schlimmsten.

Kurz vor dem Ziel treffe ich dann noch auf einen Mitwanderer, der fix und alle am Straßenrand hockt. Ich sag ihm: Junge, was machst du hier? Das Ziel ist nur einen Kilometer entfernt. Worauf er nur sagt: Ich weiß aber ich konnte einfach keinen Meter mehr laufen. Es ist eben einer dieser Tage.

Fazit

Das Refuge de Longon war für mich eine der schönsten Hütten auf dem ganzen Weg. Für Tierhaar-Allergiker eher nichts und Sauberkeit und Komfort sind werden eher klein geschrieben aber ansonsten wunderschön in der Natur eingebettet. Und das Essen ist der Wahnsinn.

In St. Dalmas habe ich erstmalig einen Bus nach Nizza gesichtet.

Ein komisches Gefühl zu wissen, dass man einfach einsteigen könnte und noch am selben Tag in Nizza wäre. Stattdessen laufe ich auch noch einen Umweg über den GR 52 und bin voraussichtlich erst in sieben Tagen am Ziel! Warum?

Tja, warum denn nicht?

Alpenüberquerung auf dem GR 5

Teil 1 – Kosten, Organisation, Vorbereitung
Teil 2 – Die ultimative Packliste
Teil 3 – Vom Genfer See bis Les Houches
Teil 4 – Von Les Houches nach Landry
Teil 5 – Von Landry nach Modane
Teil 6 – Von Modane nach Ceillac
Teil 7 – Von Ceillac nach Auron
Teil 8 – Von Auron nach St. Dalmas
Teil 9 – Von St. Dalmas nach Menton

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4 Kommentare

  • Anna sagt:

    Ich wollte dich gerade fragen warum du lieber nach Menton läufst anstelle als nach Nizza oder Monte Carlo oder wohin auch immer 😉 Möchtest du noch mehr Tage auf dem Trail sein oder hast du zu Menton eine bestimmte Beziehung? Fühlt sich Menton mehr als Ende der Alpen für dich an? Eigentlich wäre es doch der Colle di Cadibona – gleichzeitig ein guter Startpunkt für das nächste Weitwanderabenteuer 😀

    LG

    • Fabian sagt:

      Also das hat viele Gründe. Zum einen wird die Strecke von St. Dalmas nach Menton als Highlight des gesamten Weges angepriesen, weil der GR 52 durch die Vallée des Merveilles (das Tal der Wunder) führt. Das ist landschaftlich sehr schön und beherbergt außerdem zahlreiche Steingravierungen aus der Bronzezeit und eine Menge Tiere gibt’s da auch. Das wollte ich mir natürlich keinesfalls entgehen lassen.
      Zum anderen lag ich gut in der Zeit, da ich keinen Pausetag genommen habe und konnte mir den Umweg erlauben. Und dann hab ich auch noch eine besondere Beziehung zu Menton 🙂 Und nach Nizza bin ich ja sowieso im Anschluss gegangen und in Monte Carlo habe ich meinen Zweitwohnsitz (nicht)…

  • Anna sagt:

    Spannend spannend – ja Nizza ist schon sehr nice (welch ein Wortspiel^^) ich war von der frz Uni aus 3 Wochen im September in Antibes, ein paar Mal waren wir auch in Nizza. Tolle Gegend! Monte Carlo hat mir allerdings überhaupt nicht gefallen muss ich zugeben.

    Bin schon auf deine Fotos gespannt 🙂

    LG

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