Alpenüberquerung auf dem GR 5 – Vom Genfer See bis Les Houches

Etappen 1 bis 6

Tag 1 – Von Thonons-les-Bains nach Chevenoz

– Aller Anfang ist schwer, denke ich, während ich aus dem Busfenster auf die vorbeiziehende Landschaft schaue. Ich sitze nämlich im falschen Bus. Da mein Zeitfenster für die Wanderung mit 32 Tagen recht knapp bemessen ist, hatte eigentlich geplant von St- Gingolphe aus zu starten, um so einen Tag einzusparen.

Die Unfähigkeit der Busbahnhofsmitarbeiterin konnte ich dabei natürlich nicht antizipieren. Der Genfer Busbahnhof hat keine Anzeigetafeln, stattdessen wollte mir die Dame am Schalter Bescheid geben, sobald mein Bus einfährt. Als ich etwas ungeduldig eine halbe Stunde später nach dem Verbleib meines Busses frage, antwortet sie mir eiskalt: der Bus nach Thonons-Les-Bains? Der ist gerade abgefahren.  Arrgh. 

Nun sitze ich also in einer späteren Verbindung. St. Gingolphe könnte ich erst am Nachmittag erreichen. Das wäre zu spät, um die lange Etappe noch zu starten. Meine Optionen sind also die Nacht am Startort zu verbringen oder mittags von Thonons-les-Bains aus zu starten. In beiden Fällen verliere ich einen Tag. 

Da ich nicht untätig rumsitzen möchte, entscheide ich mich spontan für die zweite Option. Für Sightseeing in dem beschaulichen Örtchen Thonons-les-Bains reicht die Zeit nicht. Wütend stiefel ich drauf los. 

Vorher mache ich noch das obligatorische Startbild auf dem ihr meine säuerliche Laune gut ablesen könnt. 

Und dann bin tatsächlich auf dem GR5! Endlich geht es los. Nach diesem Fehlstart kann ich die ersten Kilometer gar nicht schnell genug hinter mich bringen. 

Nach einer halben Stunde erreiche ich einen Wald und folge den rot/weißen Markierungen des GR 5. 
Komisch, denke ich, dass die teilweise unterschiedlich aussehen. 
Immer tiefer laufe ich in den Wald hinein. Die Wege werden immer schmaler und verwachsener und auch aus der Beschreibung im Guide werde ich nicht schlau. 

Nach weiteren 20 Minuten muss ich mir eingestehen, dass ich mich komplett verlaufen habe. Mein Handy hat kein Netz. Ich bekomme kein GPS-Signal, ich bin erst am Anfang der Etappe und der Tag ist schon relativ weit Fortgeschritten.  

Ich bin so sauer auf alles. Wie durch ein Wunder kommt mir bald eine Frau mit zwei Hunden entgegen. Meine sympathische Retterin ist in der Gegend zu Hause und bringt mich wieder auf Kurs. 
Die  Abzweigung, die ich übersehen hatte, war komplett zugewachsen. 
Das sah nicht mal aus wie ein Weg. Egal, ab jetzt schwöre ich mir wachsam zu sein und hechte weiter. 

Es ist sauheiß und ich weit von meiner Topform entfernt (genau genommen hat mir meine Orthopädin aufgrund von Shin Splints eine vier wöchige Laufpause verordnet. Aber gehen ist ja nicht laufen). 

Am frühen Abend erreiche ich fix und alle Chevenoz. Um die einzige Unterkunft des Ortes zu erreichen muss ich in der brennenden Hitze nochmal steil bergauf laufen. Doch was ist das? Als ich endlich die Hütte erreiche, ist diese mit Brettern vernagelt!

Das gibt’s doch nicht. Mein Wasser ist alle, kein Mensch auf der Straße. Ab jetzt nur noch Strandurlaub, schwöre ich mir. 

Irgendwann begegne ich einem Jungen, der mich zu seinem Vater bringt, der wiederum in der Gegend herumtelefoniert und schließlich tatsächlich eine Unterkunft findet. 

La chouette Couette ist mittlerweile die einzige Pension im Ort und mit 82 Eur auch nicht gerade günstig aber in meinem Zustand hätte ich jeden Preis gezahlt. 

Tag 2 – Chevenoz nach Chapelle d’Abondance

Nach dem emotional und körperlich anstrengenden ersten Tag erwartet mich heute eine harte Etappe mit vielen Höhenmetern. Es geht direkt steil bergauf und obwohl es noch recht früh ist herrscht drückende Hitze. Ich starte mit einem älteren Ehepaar, die schon im letzten Jahr den zweiten Teil des GR 5 gelaufen sind und nun die erste Hälfte bis nach Briancon nachholen möchten.  

Wenig später lerne ich zwei Fernwander-Profis aus den USA kennen. Sie sind mit Zelt unterwegs und haben dennoch leichtere Rucksäcke als ich. Sie haben gerade die Tour de Mont Blanc hinter sich gebracht und möchten nun direkt mit GR 5 nachlegen. Den GR 11 (820 km, 45 Etappen) durch die gesamten Pyrenäen haben sie im letzten Jahr gemacht. Wahnsinn.

Gemeinsam gehen wir ein Stück und machen schon bald die ersten Tiersichtungen.

Ich habe das Glück aus nächster Nähe Zeuge einer Steinbock-Rangelei zu werden.

Meine amerikanischen Wegbegleiter halten sich etwas zu lange bei den Tieren auf, so dass ich alleine weitergehe. 

 

Meine Gedanken kreisen immer wieder um meine körperliche Fitness und ich muss mir mehrfach in Erinnerung rufen, wie grandios das Panorama ist, das ich durchschreite. 

Als ich nach zehn Stunden endlich ausgehungert La Chapelle d’Abondance erreiche, sind die ersten drei Unterkünfte ausgebucht. Nach einigen extra Metern, finde ich schließlich ein freies Bett in der Pension Le vieux four, wo ich immerhin das beste Essen des gesamten Trips esse.

Ich bin völlig erledigt und habe den Sonnenbrand des Todes im Gesicht. Ich hatte mein Cap verkehrt herum auf dem Kopf und die Sonne hat ein rotes Loch in die Lücke auf der Stirn gebrannt. Auch meine Schläfen sind dunkelrot. Läuft.

Tag 3 – La Chapelle d’Abondance nach Chésery

Die heutige Etappe ist landschaftlich mäßig interessant. Gegen Ende ist Obacht gefragt, da der Weg über Ski-Pisten verläuft, die im Sommer von Mountainbike-Fahrern genutzt werden.

Es ist der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag und ironischerweise die einzige Nacht, die ich in der Schweiz übernachte.

Schnell wie ich bin, erreiche ich die kleine Hütte kurz bevor ein heftiges Gewitter losbricht. Andere Wanderer haben weniger Glück und kommen nach und nach pitsch nass eingetrudelt.

Beim Abendessen lerne ich weitere GR5 Mitstreiter kennen. Daneke aus Holland, die nie wirklich gewandert ist und sich dachte, dass sie mal mit einer 700km Alpenüberquerung startet. Sie ist sich noch nicht sicher, ob es eine gute Idee war.
Robert, 71 Jahre jung aus Südfrankreich. Ein Witwer, der nach dem Ableben seiner Frau mehrere tausend Kilometer auf diversen GRs und Caminos gelaufen ist. Guter Typ. 

Außerdem zwei 18 jährige, nasse Franzosen, die eigentlich mit dem Zelt unterwegs sind aber aufgrund des feuchten Klimas in der Hütte nächtigen werden.

Somit ist das kleine Matrazenlager komplett voll. Erstmals richtiges Hüttenfeeling, seit dem Start. Ich stell mir den Wecker auf 6.30 Uhr und schließe meine Äuglein, während der Regen hart auf das Dach prasselt.

Tag 4 – Chésery nach Samoëns

Nach einer unruhigen Nacht mit schnarchenden Bettnachbarn, reißt mich mein Wecker aus dem Schlaf. Mein Handy liegt dummerweise vor der Tür des Matrazenlagers, so dass ich aus dem Bett hechten muss, um nicht das ganze Haus aufzuwecken. Doch als ich draußen den Alarm ausschalte, steht dort schon Robert in voller Montur und sagt: – keinen Stress, du weckst hier niemanden mehr auf!

Ich reibe mir die Augen und schaue ins Lager. Alle Betten sind leer und die Mitwanderer, haben schon gefrühstückt und stehen startbereit vor der Hütte! Die halbe Nacht habe ich mich hin- und hergewälzt und morgens dann scheinbar geschlafen wie ein Stein.

Schnell schlinge ich das Frühstück runter und beginne die Aufholjagd durch eine irre schönes Bergpanorama. Trödeln möchte ich aber nicht, denn heute ist der Tag des FIFA-WM Finales und da möchte ich natürlich in Frankreich sein.

Diese rot/weiße Markierung wird mich die nächsten 600 km begleiten.

Auf dem gesamten Weg blühen farbenprächtig die Wiesen.

Schon bald habe ich meine Mitwanderer eingeholt.

Nach zwei Dritteln des Weges folgt ein brutaler Abstieg von 2000 Höhenmetern in den kleinen Ski-Ort Samoëns. Gewöhnt man sich denn nie an die Belastung? Jetzt bin ich schon den vierten Tag unterwegs und komme trotzdem mausertot im Ort an.

Ich muss ein wenig suchen bis ich eine Unterkunft finde.

Ich beziehe mein Zimmer mit dem Oldtimer Robert, nehme eine Dusche und dann heißt es FINALE!

Gar nicht so leicht einen Platz zu finden. Ganz Frankreich jubelt heuter seiner Nationalmannschaft zu. Und ich als Halbfranzose natürlich auch.

Nach einem lockeren Sieg der „bleus“ gegen Kroatien ist der Ort außer Rand und Band. Raketen gehen in die Luft, es wird gejubelt und getanzt.

Ein tolles Spektakel und ich würde ja auch feiern aber ich kann mich gerade so auf den Beinen halten und morgen steht mal wieder eine lange Etappe (mit knapp 2000 Höhenmeter Anstieg) an. Also kämpfe ich mich durch die jubelnde Masse, wickel mich in meinen Hüttenschlafsack und sinke in einen traumlosen Schlaf.

Tag 5 – Samoëns nach Refuge de Moëde Anterne

Die Etappe beginnt angenehm flach. Heute gehe ich gemeinsam mit Daneke. Nach einer Stunde beginnt ein Aufstieg durch den Wald. 

Beim Aufwärtslaufen habe ich die Tendenz auf den Boden zu schauen, was dazu führt, dass ich schnell mal eine Wegmarkierung übersehe. Aber Daneke bringt mich wieder auf Kurs. 

Während wir im Wald Pause machen holt uns Robert ein und gemeinsam gehen wir weiter. Landschaftlich ist die Etappe sehr abwechslungsreich. Es geht vorbei an imposanten Wasserfällen und immer höher durch den Wald. 

Robert vergisst fast so viele Sachen auf der Hütte wie ich, läuft wie eine Maschine und lacht wie ein Schuljunge. Mit 71 Jahren ist er der fitteste von uns. Bald haben wir die Baumgrenze erreicht. 

Eine sehr sportliche französische Familie. Diese Strecke muss man erstmal laufen mit drei kleinen Kindern!

Wir passieren ein wunderschönes Plateau. Leider werden wir erbarmungslos von Bremsen attackiert. 

Wir pausieren am idyllisch gelegenen Chalet d’Anterne. Langsam ziehen Wolken auf, ich lege einen Gang zu und lassen Daneke und Robert hinter mir. 

Auf 2000 Höhenmeter sichte ich mein erstes Murmeltier. 

Als ich den Lac d’Anterne erreiche, fängt es an zu regnen. Ich marschiere weiter und erreiche nach circa einer Stunde das Refuge de Moede Anterne, wo ich zum Glück einen Schlafplatz finde.   

Am Abend sitze ich mit meinen Mitstreitern vor der Hütte und wir tauschen uns über das Erlebte und die weitere Planung aus. 

Tag 6 – Refuge de Moëde Anterne nach Les Houches

Das Wetter ist instabil als ich morgens mit Daneke und Robert losziehe. Die erste halbe Stunde geht es bergab. Als wir das Tal erreichen beginnt es zu regnen. 

Beim Aufstieg lasse ich die anderen hinter mir und stiefel die nächsten zwei Stunden im Nieselregen durch  blumiges Gestrüpp bergauf. 

Kurz vor dem Pass werden ich von der Sonne und diesem Kollegen begrüßt. 

Durch den Schnee stiefel ich zum Col du Brévent und muss von dort teilweise über Eisenleitern weiter zum Brévent. Hier genießt man einen sehr schönen Ausblick auf Chamonix und den Mont Blanc.

Leider ist der Brévent hässlich zugebaut und eine Seilbahn bringt gondelweise Tagestouristen hinauf, die in ihren teuren nagelneuen Outdoor-Klamotten eine Runde übers Sonnendeck drehen und wieder hinunterfahren.  

Ich klopf mir auf die Schultern für meine erbrachte Leistung. Da ahne ich noch nicht wie anstrengend der Abstieg von 2000 Höhenmetern nach Les Houches wird. 

Auf halber Strecke hocke ich mich erschöpft auf einen Stein als eine Amerikanerin, die ich schon am Pass gesehen hatte mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbeizieht. Wir grüßen uns und und ich beschließe in ihrem Windschatten weiterzugehen. Wie eine eine ICE-Lok zieht sie mich nach unten. Wir unterhalten uns und ich merke wie viel leichter es mir fällt zu wandern, wenn ich mich durch Gespräche ablenken kann. Man denkt nicht mehr an seine Schmerzen oder die Strapazen des Weges. Der Körper läuft auf Autopilot. 

Und so erreichen wir schon bald Les Houches. Die Geschwindigkeit des Abstiegs zahlt sich für mich aus, da ich als erster an der Hütte ankomme und mir so noch einen Schlafplatz sichern kann, obwohl die heutige Etappe die sehr beliebte Tour du Mont Blanc kreuzt und viele Unterkünfte ausgelastet sind. 

Als ich aus der Dusche komme, schaut sich die Hüttenbesitzerin im Vorbeigehen die roten Punkte auf meinem Körper an und will mich schon ausweisen, weil sie glaubt, dass ich Bettwanzen habe. Aber mein Kompagnon Florian eilt mir zur Hilfe und versichert ihr, dass das „nur“ Bremsenstiche sind. Die Mistviecher stechen sogar durch die Kleidung und haben uns in den letzten Tagen massiv attackiert. 

Ich bin glücklich trotz Widrigkeiten den ersten Abschnitt des GR5 erfolgreich hinter mich gebracht zu haben. Ich frag mich nur, wann es endlich leichter wird. Morgen vielleicht? 

Fazit

Die ersten Tage auf dem GR 5 haben es landschaftlich in sich. Tolle Panoramen und zahlreiche Tiersichtungen lassen Wanderherzen höher schlagen. Schnell wird einem angesichts der langen Etappen aber auch klar, wie anstrengend diese Alpenüberquerung wird. 

Aber mit den folgenden Tipps, könnt ihr euch den Start um einiges erleichtern:

Tips

  • So leicht wie möglich packen. Ein leichter Rucksack und leichte Schuhe sind essentiell. Jedes Gramm gehört auf den Prüfstand. 
  • Egal ob allein oder in der Gruppe, die Unterkünfte für die erste Woche sollte man in jedem Fall komplett durchbuchen. Absagen kann man im Zweifelsfall immer noch. Ich war alleine und habe es nicht gemacht und es hat mich jede Menge Nerven gekostet. Wenn man weiß, dass der Schlafplatz am Abend sicher ist, läuft es sich viel unbeschwerter. Man kann mehr Pausen machen und den Weg genießen.  
  • Sonnenschutz ernst nehmen. Ich habe mich zwar jeden Tag mit Stärke 50 eingecremt aber es reicht, wenn man eine Stelle übersieht und schon hat man den Salat. 
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